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de |    Themen04.10.2005

Konferenz: "Das Schicksal der Armenier während des Untergangs des ottomanischen Reiches"

Fragen nach Demokratie und wissenschaftlicher Verantwortung

Konferenzbericht von Cem Özdemir, MdEP

Die Konferenz: Neuland für die Türkei
Signalwirkung mit Folgen
Erinnerungskultur entwickeln

Der Termin am 23.-25. September war bereits der zweite Versuch, die Konferenz zu dieser -  in der Türkei höchst umstrittenen - historischen Frage auf die Beine zu stellen. Die Auseinandersetzung mit "Ottoman Armenians during the Demise of the Empire" (so der englische Titel der Konferenz), bedeutet in der Türkei nichts weniger, als endlich mit der Neubewertung eines der dunkelsten Kapitel der Vergangenheit zu beginnen. Es bedeutet, die Frage neu zu stellen, was während des ersten Weltkrieges und in der Endphase des Osmanischen Reiches mit der armenischen Bevölkerung geschah. Die Frage die Geschehnisse der Jahre 1915/16, den Massakern und Todesmärschen, aber auch die weitergehende Frage,nach dem Zusammenleben von türkisch- und armenisch-stämmigen Bürgern in der damaligen Zeit - aber auch heute.

Behinderungen im Vorfeld

Die erzwungene Absage der Konferenz im Mai, nach massivem öffentlichen Druck auf die Organisatoren, ließ bereits erahnen, dass auch diesmal nicht alles reibungslos vonstatten gehen würde. Der Versuch, diese Zusammenkunft von Experten aus dem In- und Ausland zu verhindern, kam dann auch prompt - und zwar einen Tag bevor die Konferenz ursprünglich beginnen sollte: Ein Verwaltungsgericht untersagte die Konferenz an der Bosporus Universität aus fadenscheinigen Gründen. Das Verbot zielte aber nicht nur darauf, im konkreten Fall die Aufarbeitung der Geschichte zu behindern. Vielmehr fürchteten die Hardliner und Nationalisten im Justizapparat die Signalwirkung der Veranstaltung, die zu einer grundlegenden Neubewertung der eigenen Geschichte führen und die einige der Gründungsmythen der modernen Türkei in Frage stellen könnte.

Bei der letzten Absage im Mai beschränkte sich Ministerpräsident Erdogan darauf, Kritik an seinem eigenen Justizminister zu äußern, der die Organisatoren als Staatsfeinde denunziert hatte. Diesmal sparte Erdogan nicht mit klaren Worten: Er kritisierte die Gerichtsentscheidung scharf und forderte, wie auch sein Außenminister Abdullah Gül, dass die Konferenz stattfinden solle.

Die Konferenz: Neuland für die Türkei

Dank schneller Telefondiplomatie und deutlicher Unterstützung der Regierung im Hintergrund wurde  eine "kreative" Auslegung des Verbotsurteils gefunden, indem die im Urteil nicht ausdrücklich erwähnte Bilgi-Universität als neuer Veranstaltungsort gewählt wurde. So konnte die Konferenz, wenngleich mit einem Tag Verspätung, doch noch stattfinden. Der ursprüngliche Umfang des Programms wurde trotzdem beibehalten, damit ging die Tagung bis in die späten Abendstunden, aber alle Themen wie geplant zur Sprache kommen konnten.

Den Organisatoren um Prof. Halil Berktay, aber auch den Wissenschaftlern Murat Belge, Hrant Dink, Etyen Mahcupyan, den Diskutanten und Teilnehmern gebührt hierfür großer Dank. Trotz aller Widerstände haben sie den Mut bewiesen, der "anderen Türkei" Stimme und Gehör zu verschaffen. Dieses historische Ereignis wäre Anlass genug gewesen für eine Live-Übertragung im türkischen Fernsehen, damit die Bevölkerung daran hätte teilnehmen können  - aber so weit ist die Türkei wohl noch nicht. Es war nicht nur eine wissenschaftliche Veranstaltung, viele Beiträge berührten auch emotional. Die Geschichte von Hrant Dink rührte die Zuhörer zu Tränen, enbenso das Bekenntnis des Ex-Gesundheitsministers Cevdet Aykan, er sei hier, "um seine Gewissensschuld zu erfüllen" und der davor warnte, sich in der Welt zu isolieren.

Bei der Aufarbeitung der Rolle der damals regierenden "Ittihat ve Teraki Parti" (Partei für Einheit und Fortschritt) um die Führungsfiguren Talat und Cemal Pascha, Enver Hoca und Doktor Nazim ist die Wissenschaft noch am Anfang. Einigen dieser Führer der so genannten jungtürkischen Bewegung wurde 1919 vor Militärgerichten der Sultansregierung wegen des verlorenen Krieges der Prozess gemacht – einige erwiesene Massenmörder entzogen sich dem Todesurteil durch Flucht nach Europa.

Umso spannender sind heute die Forschungen über Literatur und Biografien aus den ersten Jahren nach dem Massenmord. Doch eines dürfte bereits feststehen: Einer der Gründe für das jahrzehntelange Leugnen der Verbrechen war auch die Bereicherung vieler Türken, die durch die Vertreibung und Vernichtung der Armenier möglich wurde: ehemalige Nachbarn, die sich armenischen Besitz einverleibten und der Wunsch, darüber den Mantel des Schweigens zu breiten.

Signalwirkung mit Folgen

Das sicherlich wichtigste Signal der Konferenz ist, dass sie überhaupt stattgefunden hat. Viele in der EU verstehen nicht, dass diese Debatte eine für die Türkei neue und schmerzliche Auseinandersetzung auch über das eigene Selbstverständnis ist. Wissenschaftlich betrachtet ist ein ausgesprochen qualifizierter Anfang geglückt. Die Diskussionen wurden sehr konzentriert geführt: über den Völkermord-Begriff und seine juristischen Implikationen, zu den gesellschaftlichen Traumata, zur Bedeutung von Zeitzeugenberichten im Aufarbeitungsprozess oder zur Rolle der Medien, wenn es um die Schaffung von Feindbildern geht.

Der Anfang ist gemacht, und einem Puzzle gleich fügen sich immer neue Teilchen hinzu:

Eine Ausstellung (unterstützt von der Heinrich-Böll-Stiftung) von Postkarten mit Motiven des armenischen Lebens im osmanischen Reich zeigt eine Normalität, von der viele junge Menschen in der Türkei noch nie etwas gehört haben. Vor kurzem befasste sich auch erstmals eine Ausstellung mit dem Pogrom vom 6./7.September 1955 gegen griechisch-stämmige und jüdische Bewohner Istanbuls. Obwohl diese Ausstellung von Ultra-Nationalisten angegriffen und beschädigt wurde, beschäftigt sich die Kuratorin bereits mit Folgeausstellungen in anderen europäischen Städten, unter anderem in Griechenland.

In Biografien bekennen Menschen, Nachfahren von Armeniern zu sein und arbeiten ihre individuelle Vergangenheit auf. Jüngst etwa schrieb der beliebte Hürriyet-Kolumnist Bekir Coskun von seiner armenischen Großmutter und löste eine Flut von Leserbriefen aus.

Armenisches Leben und Kultur, auch die Kultur der Erinnerung hat es heute immer noch schwer, sich gegen türkische wie armenische Ultra-Nationalisten zu behaupten. Objektivität in der Geschichtsschreibung kommt diesen Fraktionen äußerst ungelegen. Bereits die Tatsache, dass es mehr Armenier bzw. armenisch-stämmige Bewohner der Türkei gibt als die offiziell gezählten 70.000, irritiert türkische wie armenische Hardliner. Bisher totgeschwiegene Geschichten von Türken, die in den Jahren der Verfolgung Armenier versteckten, um sie vor dem Tod zu bewahren oder umgekehrt auch von jenen Türken, die armenische Mädchen und Frauen geraubt haben, passen weder in das Bild der "friedlichen Umsiedlung" inmitten eines Weltkrieges wie es die nationalistisch-türkische Seite zeichnet, noch in das Gegenbild eines "Holocaust" gegen alle Armenier, das die nationalistisch-armenische Seite propagiert.

Doch Empathie gibt es auch gegenüber türkischem Leid: Viele der heutigen Einwohner der Türkei sind selbst Opfer bzw. Nachfahren von Opfern von Vertreibung. Sie stammen aus dem Balkan, Griechenland oder dem Kaukasus; sie  wurden aus ihrer Heimat vertrieben und haben alles verloren. Auch über ihr Leid durfte nach der Gründung der Republik nicht geredet werden. Denn die  "moderne" Türkei sollte als alleinige historische Wurzel an ein imaginäres Türkentum anknüpfen.

Aufgrund dieser historischen Doktrin empfinden viele Türken den Vorwurf des Völkermordes an den Armeniern als Versuch, ihnen ihre neue Identität als Türken und gleichsam  ihre "neue Heimat" Türkei wegzunehmen. In diesem Zusammenhang sollte auch an die 42 türkischen Diplomaten erinnert werden, die Opfer von Anschlägen der armenischen terroristischen Organisation ASALA wurden, deren erklärtes Ziel die Rache für das Leid der Armenier war.

Intoleranz und Nationalismus haben in der Vergangenheit das größte Leid über die Türkei und ihre Bevölkerungsgruppen gebracht. Bis in die Gegenwart reicht dieses Gift. Den Nationalismus anzuprangern und zu bekämpfen heißt, einen Schritt in die Zukunft zu machen.

Erinnerungskultur entwickeln

Die Europäische Union kann diesen Prozess der Aufarbeitung unterstützen und mit Expertise helfen, so dies gewünscht wird. Doch die Bewältigung muss die Türkei selbst leisten und die Türken müssen ihren Weg dahin selbst finden. Nur so kann es zu einer nachhaltigen Aussöhnung kommen. Manche der europäischen Feuilleton-Debatten erinnern an eine akademische Trockenübung und lassen mitunter Verständnis für die Realitäten in der Türkei vermissen.

Die Debatte hat begonnen und es ist bereits zu beobachten, dass die Front derjenigen Risse bekommt, die  jedwede Auseinandersetzung als "armenische Propaganda" oder "imperialistische Strategie zur Schwächung der Türkei" abtun. Der Zweifel ist gesät und die Deutungshoheit der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung gilt nicht mehr. Die bisherige Strategie der offiziellen Historiker, die Toten der "Gegenseite" herunterzurechnen und sie kurzerhand zu Opfern von Banden und Krankheiten umzudeuten, sowie im Gegenzug die Zahl der türkischen Opfer zu erhöhen, kann heute so nicht mehr aufrechterhalten werden.

Für die Hitzigkeit der Debatte um die "Armenier-Frage" gibt es noch einen tiefer liegenden Grund. Elif Safak beschreibt in der Zeitung Zaman von 25.September jenen Mechanismus, der in den türkischen Staatsorganen funktioniert, nämlich "eine reaktionäre Haltung, die sich gegen alle Unternehmungen richtet, den Status quo in Frage zu stellen. Die offizielle Geschichtsschreibung herauszufordern, ist ein Kampf und kein einfacher. Trotzdem und Gott sei Dank, sind die Dinge nicht so Schwarz-Weiß wie im Westen manchmal gedacht wird; es gibt noch andere Schattierungen in der türkischen Gesellschaft..." (Übersetzung des Autors).

Jetzt geht es für uns in der EU darum zu entscheiden, ob wir den schwierigen Aufbruch zu neuen, demokratischen Ufern unterstützen wollen, gegen türkische Nationalisten im Justizapparat, in Uniform und in der Bürokratie. Wer all denen helfen möchte, die sich den dunklen Flecken der türkischen und osmanischen Geschichte widmen wollen, dessen Plädoyer muss ganz eindeutig zugunsten fairer Beitrittsverhandlungen sein. Nur das hilft unseren türkischen und armenischen Freunden, den Reformern für eine wirklich moderne Türkei.