Header Europagruppe GRÜNE
 

de |    Themen08.05.2007

Nuclear power plant - Copyright : Robert Brown

"Restrisiko" Atomkraftwerke

Eine neue Studie im Auftrag der Grünen Abgeordneten Rebecca Harms beweist: Seit dem Unfall in Tschernobyl gab es zahlreiche Störfälle in Atomkraftwerken weltweit, die weitaus schlimmer waren als von Behörden und Betreibern oftmals zugegeben.

Anlässlich der Vorstellung der Studie (Langfassung in englisch, deutsche Kurzfassung), die von einem internationalen Wissenschaftlerteam erstellt wurd, kritisierte die Rebecca Harms, dass dem Risiko der Erderwärmung nicht mit einer Ausweitung des atomaren Risikos begegnet werden dürfe. "Atomkraft bleibt eine Hochrisikotechnologie, deren Risiken von uns allen verdrängt werden. Dass es seit Tschernobyl und Three Mile Island keine Unfälle mit Kernschmelze mehr gab, heißt nicht, dass es nicht wieder geschehen wird. Jahr für Jahr gibt es Hunderte von Vorkommnissen, Ereignissen, Zwischenfällen und Störfällen in Atomanlagen weltweit", so Harms.

Nur ein Beispiel: Meersalz legt AKW lahm

Als Beispiele nennt die Studie 16 Zwischenfälle ganz unterschiedlicher Art, die alle auf ihre Art bedrohlich waren bzw. Sicherheitslücken aufzeigten, die im Ernstfall zu schlimmen Folgen hätten führen können. So gab es immer wieder Probleme mit den Kühl- und Notkühlsystemen des Kernreaktors. Im taiwanesischen AKW Maanshan hatten Salzablagerungen auf Stromisolatoren außerhalb des Reaktorgebäudes plötzlich zu einem kompletten Stromausfall im AKW geführt. Eine Sicherheitsübung im AKW Farley in den USA im Jahr 2000 zeigte, dass in zwei der vier Übungsfälle, es Terroristengelungen wäre,  eine Kernschmelze herbeiführen. In einem dritten Fall hätten sie es geschafft Teile der Anlage zu zerstören.

Sie erinnert in diesem Zusammenhang auch an die Zwischenfälle im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark imSommer 2006. "Wahrscheinlich trennten nur Minuten die Schweden und uns von einem Unfall wie im ukrainischen Tschernobyl. Forsmark war für mich der Auslöser, das Projekt "Restrisiko" in Auftrag zu geben. Kollektive Verdrängung von Risiken ist auch Ergebnis von wenig oder falscher oder lückenhafter Information. Mit der Veröffentlichung von "Restrisiko" soll das Bewusstsein für das Risiko Atomkraft geschärft werden."

Der Koordinator der Studie und langjährige Atomexeprte Mycle Schneider kritisierte in diesem Zusammenhang, dass in den letzten 20 Jahren seit dem Tschernobyl Unglück die Welt mit einer Illusion gelebt habe, dass die atomare Sicherheit beherrschbar sei." In Wirklichkeit ereignen sich jeden Tag zahllose Zwischenfälle in den AKWs und seit Tschernobyl standen wir schon mehr als einmal knapp vor einer Katastrophe. Die INES-Skala (3) der Internationalen Atomenergieorganisation ist irreführend, weil sie nur die radiologischen Folgen wertet und damit das Gefahrenpotential erst berücksichtigt, wenn es zu spät ist", zog Schneider sein Fazit.

Die Studie können sie in der Langfassung in englischer Sprache (pdf-Format) downloaden. Eine Kurz-und Zusammenfassung liegt auch in deutscher Sprache (pdf-Format) vor.

 

Die Unsicherheit bleibt

Vorwort von Rebecca Harms MdEP aus der englischen Langfassung der Studie:

"Die Menschen lernen nur aus Katastrophen. Schade!"
 Graffiti auf einer Wand in der Nähe des Zwischenlagers bei Gorleben

Die Auseinandersetzung um die Nutzung der Atomenergie geht in eine neue Runde. Im Windschatten der Diskussion um den Klimawandel und um mögliche Handlungsoptionen segeln die Verfechter der Atomspaltung und preisen nach Jahrzehnten der Flaute die Atomkraft als goldene Lösung. Zum Teil fällt das auf fruchtbaren Boden. Ein Teil der Klimastrategen der UNO geben genau wie Teile der EU-Kommission der Atomlobby Recht. Gewiss sind die Folgen unserer wahnsinnig verschwenderischen Energiewirtschaft, die zu gigantischen Freisetzungen von Treibhausgasen führt, für Politik, Industrie und Bürger eine der größten Herausforderungen. Aber auch angesichts von großen Herausforderungen gibt es richtige und falsche Antworten.

Falsch ist es, dem Risiko der Erderwärmung mit der Ausweitung des atomaren Risikos zu begegnen. Wer die Atomenergie als nachhaltige Energiequelle verkauft, so wie es die Atomlobby in Brüssel und anderswo versucht, muss sich den Vorwurf der Ignoranz gefallen lassen. Eine Technik, die auf Grund eines technischen oder menschlichen Fehlers zu einer Katastrophe wie 1986 in Tschernobyl führen kann, hat mit Nachhaltigkeit nichts zu tun. Atomkraft ist eine Hochrisikotechnologie. Zukunftsfähig wird unsere Energiewirtschaft nur, wenn die atomaren Megarisiken überwunden werden. 

Diese Risiken werden von uns allen verdrängt. Es lebt sich nicht gut im Bewusstsein möglicher Katastrophen. Aber dass es seit Tschernobyl und Three Mile Island keine Unfälle mit Kernschmelze mehr gab, heißt nicht, dass es nicht wieder geschehen wird. Jahr für Jahr gibt es tausende Vorkommnisse, Ereignisse, Zwischenfälle und Störfälle in Atomanlagen. Und wenn die Agenturen schreiben, dass es keine Freisetzung von Radioaktivität gab, reagiert man schon fast so als wäre nichts gewesen. Wie unzureichend diese Frage ist, haben wir im letzten Sommer erlebt. Wir wurden aufgerüttelt durch Meldungen über das Atomkraftwerk Forsmark. Vielleicht waren es nur wenige Minuten, die Schweden und uns von einem Unfall wie im ukrainischen Tschernobyl trennten. Anders als bei vielen anderen Zwischenfällen wurden die bedrohlichen Abläufe von Forsmark bekannt. Und wer die Berichte aus Schweden liest, der fragt sich, ob es Glück oder Verstand war, dass wir wieder einmal davongekommen sind, ohne dass es zu einem GAU, einem größten anzunehmenden Unfall kam mit all den Folgen, die wir seit Tschernobyl kennen.

Forsmark war der Auslöser,  das Projekt "Restrisiko" in Auftrag zu geben. Warum wird über Forsmark berichtet aber nicht über Maanshan in Taiwan?  Wie kann es sein, dass im deutschen AKW Brunsbüttel Explosionen Rohrleitungen zerstören und sicherheitsrelevante Anlagenteile bedrohen, aber dieser Störfall kaum mehr als regionale Aufmerksamkeit erfährt? Wie lange blieb das Loch im Druckbehälterdeckel des AKW Davis Besse (USA) unentdeckt? Wer hat schon etwas darüber gehört, dass in Three Miles Island (USA) ein Mann mit seinem Fahrzeug alle Absperrungen durchbrechen und bis in eine Turbinenhalle eindringen konnte und vier Stunden lang unentdeckt blieb? Kollektive Verdrängung von Risiken ist auch Ergebnis von wenig oder falscher oder lückenhafter Information. Mit der Veröffentlichung von "Restrisiko" soll das Bewusstsein für das Risiko Atomkraft geschärft werden. Dabei muss bedacht werden, dass die Ereignisse, die von Experten aus mehreren Ländern bearbeitet wurden,  nicht unbedingt die schwersten sind, die es gab. Es handelt sich um Störfälle, die öffentlich und besonders signifikant sind. Die Fälle zeigen, wie regelmäßig wir nahe an der Katastrophe waren. Die Internationale Atomenergie Organisation (IAEO) hat mit ihrer Internationalen Ereignis Skala (INES) ein Instrument geschaffen, das Betreibern und Aufsichtsbehörden eine "Kommunikationshilfe" bietet. Zwischenfälle werden auf einer Skala von 1 bis 7 eingeordnet. Doch die meisten Länder geben überhaupt keine, unvollständige oder gefärbte Informationen an das System. Auch werden nur Unfälle mit radiologischen Auswirkungen in die höheren Kategorien eingestuft. Ein Beinahe-GAU kann so dort auch locker auf Stufe 2 stehen. Wie "Restrisiko" aufzeigt, ist die Nutzung der INES Skala höchst irreführend und unterstützt die Tendenz, Zwischenfälle systematisch zu unterschätzen.

Das hohe Risiko einer Kernschmelze spricht gegen die weitere Nutzung der Atomenergie. Jedes zusätzliche Betriebsjahr erhöht das Gesamtrisiko eines großen Unfalls erheblich. Die ideellen und materiellen Kosten im Falle eines großen Unfalls werden jedoch nicht von den AKW-Betreibern gezahlt sondern von der Bevölkerung. Werden wir in der Lage sein, radioaktiven Müll über Hunderttausende und Millionen Jahre sicher zu lagern? Diese Frage ist nicht nur unbeantwortet. Sie sprengt unser Vorstellungsvermögen. Jedes Land, das Atomkraft nutzt, kann selbst bei Berücksichtigung der IAEA Kontrollen, wenn es will, die Bombe bauen. Diese Gefahren verlieren auch angesichts der Herausforderung Klimawandel nichts von ihrem Schrecken.

Aber es gibt nicht nur falsche sondern auch richtige Antworten auf den Klimawandel. Gegen Klimawandel, Treibhausgasemissionen  und  Energieverschwendung hilft nur ein neuer Anlauf in eine moderne und zukunftsfähige Energiewirtschaft. Einsparung und Effizienz und der konsequente Ausbau der Erneuerbaren Energien sind vernünftige und nachhaltige Wege. Nachzulesen ist das  in unserem "Green Vision Scenario" (zu finden unter http://www.greens-efa.org). Ich hoffe, dass die Arbeit der Autoren von "Restrisiko" dazu beitragen wird, die atomaren Risiken wieder bewusster zu machen. Ich hoffe aber auch, dass es gelingen wird, die Diskussion um Laufzeitenverlängerung oder Ausbau der Atomenergie zu stoppen.

Ich danke dem Projektteam und dem Koordinator Mycle Schneider. Und ohne die finanzielle Unterstützung der Altner-Combecher Stiftung und der Hatzfeldt Stiftung wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen.

Brüssel, 9. Mai 2007