Weniger ist mehr!
Europa muss sich vor gefährlichen Pestiziden schützen
von Hiltrud Breyer MdEP
In Brüssel beginnt die heiße Phase für die Neuausrichtung der Zulassung und Verwendung von Pestiziden - einem der wichtigsten umwelt- und verbraucherschutzpolitischen Initiativen der Legislatur. Entgegen allen Anstrengungen steigt der Pestizid-Verbrauch in der EU an. Die VerbraucherInnen sind verunsichert, wenn alle Jahre wieder gefährliche Rückstände in Erdbeeren, Weintrauben und Paprika nachgewiesen werden, lange nachdem sie konsumiert sind. Das viel gepriesene frische Obst und Gemüse wird für Kinder zur Giftfalle. Denn wenn sie damit gefüttert werden, wird der in der EU-Richtlinie 2006/215/EG festgesetzte Pestizid-Grenzwert bis zu 200-fach überschritten. Greenpeace stellte fest, dass schon vier belastete Weintrauben bei Kindern zu akuten Gesundheitsgefahren wie Durchfall und Erbrechen führen.
Als Berichterstatterin des EP-Umweltausschusses für die neue Pestizid-Verordnung will ich Meilensteine setzen für den Verbraucherschutz und die Transparenz. Pestizide sind per Definition gefährliche Chemikalien und treffen Lebewesen, für die sie nicht bestimmt sind. Sie reichern sich im Wasser, Boden, in Menschen und Tieren an mit verheerenden Folgen. Skandale wie der um die großen Schäden des langlebigen DDTs, das sich jahrelang im Fettgewebe ansammelt und an die nächste Generation weitergegeben wird, dürfen sich nicht wiederholen.
Es ist High Noon, gefährliche Pestizide und Giftcocktails zu verbannen. Dies sind PBT-Stoffe (die langlebig und giftig sind und sich in Umwelt und Lebewesen anreichern) und die krebserregenden, erbgutverändernden und fortpflanzungsschädigenden CMR-Stoffe. Mein Ziel ist darüber hinaus, Pestiziden mit hormoneller, neuro- und immunotoxischer Wirkung auch die Rote Karte zu zeigen. Der Umweltwissenschaftler Professor Philippe Grandjean hat kürzlich in einer Aufsehen erregenden Publikation 202 Chemikalien identifiziert - darunter 90 Pestizide - die Gift sind für das Nervensystem und deutlich den Intelligenzquotient senken. Das Gehirn ist nicht ersetzbar! Auch will ich die Zulassung der Wirkstoffe und ihre Risikobewertung an den sensibelsten Gruppen der Gesellschaft ausrichten.
Verbesserungsbedarf besteht für die Transparenz: Mein Berichtsentwurf für den EP-Umweltausschuss sieht vor, dass Listen mit zugelassenen Pestiziden, Rückstandsbefunde und vor allem (öko-)toxikologische Daten zeitnah im Internet verfügbar sein sollen. VerbraucherInnen und AnwohnerInnen müssen informiert werden, bevor im Weinberg oder auf dem Acker gesprüht wird. Pestizide sind die einzigen Reisenden ohne Pass. Mit der Einführung eines Pestizid-Passes wird für den Groß- und Einzelhandel nicht nur die Rückverfolgbarkeit ermöglicht, sondern auch mehr Wettbewerb und damit mehr Druck, pestizidfreieres Obst und Gemüse ins Regal zu stellen.
Ich hoffe auf die Unterstützung von EU-Kommission und Rat für diese Pionierarbeit. Die Begeisterung für Europa wächst nur, wenn klar ist, dass Verbraucher- und Umweltinteressen nicht Wirtschaftsinteressen untergeordnet werden.
Ab Mitte Oktober ist Kampagnenmaterial für Aktionen vor Ort abrufbar unter www.hiltrud-breyer.eu
Hiltrud Breyer ist Mitglied im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit.
Dieser Artikel ist erschienen im Schrägstrich September 2007
Weitere Informationen zur Arbeit von Hiltrud Breyer: www.hiltrud-breyer.eu