Header Europagruppe GRÜNE
 

de |    Themen14.05.2007

Portrait Michael Cramer

Im Rückwärtsgang in die Sackgasse

Verspielt die europäische Autoindustrie ihre Zukunft?

von Michael Cramer MdEP

Gasgeben ist seit jeher die Devise der Autoindustrie gewesen. Beim Umweltschutz jedoch steht sie penetrant auf der Bremse. Statt die Herausforderungen des Klimawandels offensiv und mit aller zur Verfügung stehenden Ingenieurskraft anzugehen, kämpft die europäische Automobillobby mit vollem Einsatz in Brüssel gegen das Vorhaben von Umweltkommissar Dimas, den CO2-Ausstoß von PKW deutlich zu senken.

Dabei pfeifen die Spatzen die Klimakatastrophe von den Dächern. In der EU sind PKW mit 15 Prozent am Ausstoß von klimaschädlichen Gasen beteiligt. Noch schlimmer: Der Verkehr ist einer der wenigen Sektoren, deren Ausstoß kontinuierlich ansteigt. Eine Kehrtwende in der Modellpolitik ist deshalb nicht nur zwingend notwendig, sondern schon lange überfällig.

Die hochkarätige Beratergruppe der europäischen Automobilindustrie in Brüssel, die sich hoffnungsvoll "Cars 21" nennt, hat nichts Besseres zu tun als mit Hilfe von Günter Verheugen, des deutschen EU-Kommissars für die Industrie, das Vorhaben der EU-Kommission zu verwässern. Von einer Strategie der Nachhaltigkeit auf Seiten der Industrie ist nach wie vor nichts zu sehen. Im Gegenteil: Sie versucht in jedem neuen Gesetzentwurf auf europäischer Ebene die Umweltstandards zu drücken.

Wie weit die Auto-Lobby noch von der Klima-Wirklichkeit im Verkehr entfernt ist, zeigt sich auch daran, dass sie versucht hat, die sogenannten Sport Utility Vehicles von neuen Abgas-Standards auszunehmen. Wer diese besonderen Klimakiller schonen will, darf sich nicht wundern, dass die CO2-Emissionen im Straßenverkehr zwischen 1990 und 2004 europaweit um 26 Prozent angestiegen sind, während die EU im gleichen Zeitraum den Gesamtausstoß von CO2 um 5 Prozent gesenkt hat.

Der Gesamtflottenverbrauch von europäischen PKW-Herstellern bei CO2 lag 2005 bei 162g/km. Schon vor zehn Jahren hat sich die Automobilindustrie freiwillig selbst verpflichtet, einen durchschnittlichen Flottenverbrauch von 140g/km für 2008 zu erreichen. Davon ist sie weit entfernt. Deshalb ist es richtig, dass die EU-Kommission verbindliche Richtwerte für 2012 festschreiben will. Ihr ursprüngliches Ziel von 120g CO2/km musste sie unter dem doppelten Druck von Automobilindustrie und deutscher Ratspräsidentschaft schon aufgeben. Jetzt, zu Beginn eines langen Gesetzgebungsverfahrens, sind 130g CO2/km geplant, wobei - anders als bei der Selbstverpflichtung - 10% Biokraftstoffe mitgerechnet werden können. Wir Grünen fordern, dass die Emissionsgrenze jedes zweite Jahr um weitere 10g gekürzt wird, bis ein durchschnittlicher Flottenverbrauch von 80g CO2/km erreicht ist. Die Technik dafür gibt es weitgehend schon.

Genauso wichtig wie das Absenken der CO2-Grenzwerte sind alternative Verkehrskonzepte, besonders im städtischen Bereich, wo die Hälfte aller Autofahrten kürzer ist als fünf km. Würde nur ein Drittel dieser Fahrten auf den Umweltverbund mit Bus, Bahn und Fahrrad verlagert, könnte Deutschland seine CO2-Emissionen genau um die vier Prozentpunkte kürzen, die es noch braucht, um die im Kyoto-Protokoll eingegangenen Verpflichtungen zu erreichen.

Michael Cramer ist Mitglied im Verkehrsausschuss

Dieser Artikel ist erschienen im Schrägstrich Juni 2007

Weitere Infos:
Artikel im Tagesspiegel: Zehn Gramm wiegen schwer
www.michael-cramer.eu