Mehr Konfliktfähigkeit statt braver Sonntagssprüche: 2008 ist das Europäische Jahr des Interkulturellen Dialogs
von Helga Trüpel MdEP
Nicht erst seit dem Mord an Theo van Gogh und den Aufständen Jugendlicher in französischen Vorstädten brodelt in Europa die Debatte um Multikulti. Rechte erklären Multikulti für gescheitert. Aber sind eine bessere Integrationspolitik und der bewusste Umgang mit Differenz und Vielfalt nicht die einzige Perspektive, die wir haben? Das heißt: Kein Kuschelkurs, sondern politische Konfliktfähigkeit, die sich gerade im Alltag beweisen muss. Wir müssen zu einer Politik der Anerkennung der Integrationsverlierer, zu sozialer Inklusion, zu neuer Stadtentwicklungspolitik und zu einem moderierenden Umgang mit anderen Religionen und Kulturen kommen, wenn wir ein friedliches Zusammenleben in unseren offenen und vielfältigen europäischen Gesellschaften erreichen wollen.
Auf Initiative des EU-Kommissars für Kultur und Bildung, Jan Figel, und mit der Zustimmung der Europäischen Parlaments und des Rates wurde das Jahr 2008 dem interkulturellen Dialog gewidmet. Nationale Projekte und Partnerprogramme sollen die Zivilgesellschaft dazu bringen, sich aktiv am interkulturellen Dialog zu beteiligen und dazu beitragen, eine weltoffene Unionsbürgerschaft zu entwickeln, welche die kulturelle Vielfalt respektiert und sich zugleich auf gemeinsame Werten gründet. Mit der Erweiterung der EU und der fortschreitenden Globalisierung ist auch das Alltagsleben in der EU noch multikultureller geworden.
Der jüngsten Studie des Flash-Eurobarometers der Europäischen Kommission zufolge sind drei Viertel aller EU-Bürger davon überzeugt, dass Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund das kulturelle Leben des eigenen Landes bereichern. Dennoch zeichnet sich in der Studie ab, dass die "Offenheit" gegenüber anderen Kulturen von verschiedenen Faktoren abhängt, etwa dem Bildungsgrad, dem Alter der Befragten und ob sie in der Stadt oder auf dem Land leben. Tendenziell lässt sich feststellen, dass es eine größere Akzeptanz in den alten EU-Staaten gibt. Insbesondere in Bulgarien und Rumänien, aber auch in Zypern sieht ein größerer Bevölkerungsanteil die kulturelle Diversität eher skeptisch.
Europa ist geprägt von gemeinsamen Erfahrungen wie Krieg und Vernichtung, aber auch vom Willen zum Frieden. Die Vielfalt der Kulturen, der Austausch zwischen ihnen und durchaus auch der Konflikt untereinander sowie die Wirkungsmächtigkeit der drei Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam prägen Europa auf besondere Weise und verleihen ihr nicht eine, sondern viele europäische Seelen. Diese kulturelle Vielfältigkeit ist zweifellos ein großer Vorteil, doch neben diesem Reichtum birgt sie auch ein Potential an Konflikten und Problemen.
Die islamische Bevölkerung muss stärker eigene Eliten herausbilden, wenn sie neue und reale Chancen in den europäischen Gesellschaften erhalten soll. Islamische Theologen müssen an europäischen Universitäten ausgebildet werden. Muslime dürfen nicht länger in Parallelgesellschaften gedrängt werden und dürfen sich nicht länger selbst stigmatisieren. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag der Gegenseitigkeit: "Ich gestehe Dir zu, jede Religion zu praktizieren, die Du willst, und Du gestehst mir zu, sie zu kritisieren." Nur in einem solchen Verständnis der individuellen religiösen Freiheit und der Freiheit von der Religion und der Freiheit zur Religionskritik liegt die gesellschaftliche Grundlage für ein multikulturelles und freiheitliches Zusammenleben.
Es kann kein Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen geben, das ohne das Aushandeln von Konfliktlösungen auskommt. Die Grundwerte unseres politischen Zusammenlebens sind in der europäischen Grundwertecharta festgehalten: Die Gleichstellung der Geschlechter, die Gewaltenteilung, der Minderheitenschutz, eine freie Presse, das sind die Werte, die wir gemeinsam teilen und die bei Missachtung eingeklagt werden können und müssen. Aber auf dieser Grundlage gibt es viel Raum für kulturelle Differenz und persönliche Freiheit für Religion sowie von Religion. Nur so ist ein friedliches Zusammenleben möglich.
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www.helga-truepel.eu