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05.09.2012

Genveränderte Organismen in Europa

Ein Interview mit Martin Häusling

Gentechnisch veränderte Organismen (GVOs) stehen schon lange in der Kritik. Denn gerade in der Landwirtschaft führen sie zu übermäßigem Einsatz von giftigen Pflanzenschutzmitteln und Bienensterben. Darüber hinaus sind die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt in vielen Bereichen noch unerforscht.  Zwei besonders bekannte Vertreter sind die so genannte „Gen-Kartoffel“ und der „Gen-Mais".

Am Rande einer Konferenz von GVO-freien Regionen in Brüssel hat gruene-europa.de mit dem agrarpolitischen Sprecher der Grünen Europafraktion, Martin Häusling, über die politische und rechtliche Situation bei genveränderten Organismen gesprochen.

gruene-europa.de: Lieber Martin, was sind die jüngsten politischen und rechtlichen Entwicklungen bei GVOs in Europa - und wie steht eigentlich die Bevölkerung dazu?

Martin Häusling: Die Menschen in Europa lehnen genveränderte Organismen überwiegend ab. So haben sich beispielsweise mehr als 60 Prozent der Europäer gegen deren Verwendung in Lebensmitteln ausgesprochen. Das spiegelt weder die jüngere Gesetzgebung noch die Zulassungspraxis für neue Sorten im Anbau wider. Die EU-Kommission drückt hier aktuell eher aufs Gas als auf die Bremse.

So hat die Kommission erst im vergangenen Jahr einen Schwellenwert für nicht in der EU zugelassene, genveränderte Organismen in Futtermitteln eingeführt.Alle uns bekannten Daten belegen aber, dass es dazu überhaupt keine Notwendigkeit gab. Denn bei Einfuhren von Futtermitteln sind in der Vergangenheit nie Probleme aufgetreten, nie gab es einen Nachweis von GVO-Belastung. Gesundheitskommissar Dalli scheint es eher darum zu gehen, durch die Einführung von Grenzwerten der unsicheren Technologie weitere Türen zu öffnen.

Wir Grüne kämpfen dafür, dass dieser Schwellenwert wieder zurück genommen wird - und insbesondere bei Lebensmitteln darf er gar nicht erst eingeführt werden. Kurzum: GVOs gehören weder in Futtermittel, noch in Lebensmittel.

gruene-europa.de: Und wie ist die Situation beim Anbau von GVOs? Gibt es aktuell Planungen zur Zulassung von neuen Pflanzen?

Martin Häusling: Um GVOs anzubauen, bedarf es zunächst einer Genehmigung durch die Europäische Kommission. Wir sind dabei aktuell besonders besorgt, da das Spektrum an zugelassenen Pflanzen sogar noch erweitert werden soll.

Gerade für einige GVO-Pflanzen, die gegen Pflanzenschutzmittel wie Unkrautvernichtungsmittel besonders resistent sind, liegen Zulassungsanträge vor. Dabei ist mittlerweile bekannt, dass der Anbau von diesen Pflanzen den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln noch weiter erhöht. Die Bauern nutzen auf Feldern mit diesen Pflanzen besonders viele Pestizide und verseuchen damit die Böden. Außerdem entstehen Unkräuter, die noch viel resistenter gegen Pflanzenschutzmittel sind. Das sorgt letztlich für einen übermäßigen Anstieg der Pestizidnutzung und schädigt die Umwelt.

gruene-europa.de: Wie stehen die Grünen generell zur Neuzulassung von GVOs - und welche Konsequenzen wären zu befürchten?

Martin Häusling: Wir Grüne  kämpfen dafür, dass neue Anbauzulassungen untersagt bleiben, solange ihre negativen Auswirkungen auf  die Umwelt nicht widerlegt sind.

Wir setzen uns als Grüne für den Schutz und die Wahlfreiheit der Verbraucherinnen und Verbraucher sowie für die Landwirte und Imker ein. Wir wissen, dass der Anbau von GVO-Pflanzen verheerende Umweltfolgen nach sich zieht. Sei es dadurch, dass GVO-Pflanzen selbst toxisch wirken oder auch dadurch, dass Landwirte den Einsatz von Pestiziden bei resistenten Pflanzen übermäßig steigern. Dieses Problem habe ich ja bereits angedeutet.

Befürchtet wird zum Beispiel eine giftige Wirkung von GVOs auf Bienen. So zum Beispiel, wenn in GVOs der "Bacillus thuringiensis" in die pflanzliche DNA eingeschleust wird. Denn damit enthält die GVO-Pflanze das sogenannte "Bt-Toxin". Eigentlich, um bestimmte Schadinsekten zu töten. Aber faktisch werden auch Bienen geschädigt. Aufgrund der großen ökologischen und ökonomischen Bedeutung von Bienen, die etwa 80 Prozent aller Blütenpflanzen bestäuben, ist das nicht hinnehmbar.

Wir fordern daher strikte Umweltleitlinien in Bezug auf die Zulassung von GVO-Pflanzen und die fortgesetzte Gewährleistung der Wahlfreiheit für Landwirte, Verbraucher und Imker.

Außerdem darf der GVO-Anbau auf keinen Fall den GVO-freien Anbau behindern!

gruene-europa.de: In diesen Tagen findet eine Konferenz von Regionen statt, die sich zum GVO-freien Anbau bekennen. Was versprichst Du Dir von der Konferenz?

Martin Häusling: Zunächst mal zeigt die Konferenz ganz klar: Es gibt eine starke Bewegung gegen den Anbau von GVOs auch über die europäischen Grenzen hinaus, denn wir haben in diesen Tagen Gäste aus aller Welt hier in Brüssel.

Zunächst ist uns der Erfahrungsaustausch sehr wichtig. Darüber hinaus führen wir auf der Konferenz den Dialog mit europäischen Entscheidungsträgern. Besonders begrüßen wir Gesundheitskommissar Dalli, von dem wir uns zunächst vor allem Informationen erwarten. Besonders die Einschätzungen der EU-Kommission und der zypriotischen Präsidentschaft zur geplanten Anbauregelung in der EU werden spannend.

Auch erwarten wir eine Stellungnahme bezüglich der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA). Deren Mitarbeiter sind in der Vergangenheit stark in die Kritik gekommen, da einige direkt von der Industrie bezahlt wurden. Erst vorgestern wurde ein Mitarbeiter wegen möglicher Interessenskonflikte seiner Aufgaben enthoben. Diese Verwicklungen der EFSA sind besonders im Hinblick auf anstehende Zulassungen von GVO-Pflanzen mehr als besorgniserregend. Denn die EFSA ist an der Genehmigung oder Nicht-Genehmigung direkt beteiligt. Da werden wir als Grüne ein besonderes Auge drauf haben.

gruene-europa.de: Lieber Martin, vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

Martin Häusling

Telefon Brüssel +32-228-45820
Fax Brüssel +32-228-49820
Telefon Straßburg +33-3-88175820
Fax Straßburg +33-3-88179820