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06.02.2013

Interview mit Rebecca Harms zur Reform der europäischen Fischereipolitik

"EU-Parlament will Überfischung und Vernichtung von Beifang beenden"

Seit 30 Jahren gibt es die Gemeinsame Fischereipolitik der Europäischen Union. Ihr Ziel, die Überfischung europäischer Gewässer zu verhindern und die Lebensgrundlage von Fischern zu schützen, hat sie verfehlt. Bei der jetzt anstehenden Revision der Fischereipolitik sind daher grundlegende Reformen dringend notwendig.

Das Europäische Parlament darf erstmalig bei der Neuausrichtung der Fischereipolitik mitbestimmen und hat heute seine Position zur Reform verabschiedet. Die Grünen begrüßen das Ergebnis, in dessen Zentrum Fangquoten zur Erholung der Fischbestände bis 2020 sowie ein Rückwurf-Verbot von Beifang stehen.

gruene-europa.de hat mit unserer Fraktionsvorsitzenden und Fischereiexpertin Rebecca Harms über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Fischereipolitik, einen nachhaltigen Umgang mit den europäischen Fischbeständen und die anstehenden Verhandlungen mit den Mitgliedsstaaten gesprochen.

gruene-europa.de: Liebe Rebecca, warum braucht Europa eigentlich eine gemeinsame Fischereipolitik?

RH: Nun, die Fischereipolitik regelt zunächst einmal wer, wann, wo und wie fischen darf. Das ist dringend notwendig - denn Europas Gewässer sind eine allen zugängliche Ressource. Fische schwimmen von Mitgliedsstaat zu Mitgliedsstaat. Kooperation ist in diesem Politikfeld daher besonders notwendig. Die Fischereipolitik soll in Zukunft gewährleisten, dass keine Überfischung mehr stattfindet. Nachhaltige Fischbestände sind ja nicht nur im Interesse der Umwelt, sondern zugleich die Lebensgrundlage für Fischer und die verarbeitende Industrie. In der Vergangenheit ist da sehr viel schief gelaufen.

gruene-europa.de: Was sind aus Deiner Sicht die Verfehlungen der Europäischen Fischereipolitik? Wie schlecht sieht es aus?

RH: In einem Satz: Zu viele Fischer fischen nach zu wenig Fisch. Die nackten Zahlen sind erschreckend: Nach einer Studie der EU-Kommission sind 88 Prozent der europäischen Bestände überfischt und bedroht. Man schätzt, dass die EU-Flotte 40 Prozent kleiner sein müsste, um die Überfischung zu stoppen. Zu hohe Fangquoten, Überkapazitäten der Flotten - und Subventionen, die Anreize zur Überfischung setzen, haben uns in diese Situation gebracht.

gruene-europa.de: Wie schätzt du das heutige Ergebnis im Europaparlament ein? Sind wir auf dem richtigen Weg?

RH: Wir Grünen waren heute sehr erfolgreich. Das Europaparlament hat wichtige Grüne Forderungen übernommen. Die Fangquoten sollen ab 2015 deutlich reduziert werden. So sollen sich die Fischbestände bis 2020 erholen und sich dann auf einem hohen Niveau stabilisieren. Auch der barbarischen und verschwenderischen Praxis, dass der Beifang einfach wieder ins Meer geworfen wird, soll ein für allemal ein Ende gesetzt werden. Was gefangen wird soll genutzt werden - was nicht genutzt wird, soll nicht gefangen werden. Ein weiterer Grüner Erfolg ist die Neuausrichtung der Subventionen: Fischereirechte sollen jetzt auf Grundlage der besten Praxis vergeben werden. Dabei werden auch Umwelt- und soziale Kriterien berücksichtigt.

gruene-europa.de: Das Ergebnis im Europäischen Parlament ist also erfreulich. Aber im Rat scheinen viele Mitgliedsstaaten eher die alten Fangquoten und schädlichen Subventionen verteidigen zu wollen. Was ist in den anstehenden Verhandlungen möglich?

RH: Insgesamt macht mir das gute Ergebnis der Abstimmung im Plenum heute Mut. Der Druck von uns Grünen und großen Teilen der europäischen Bevölkerung hat Früchte getragen. Allerdings haben viele konservative Abgeordnete bei der Debatte im Plenum erneut das alte System der Überfischung verteidigt. Ein Vorgeschmack auf die harten Verhandlungen mit dem Rat der Mitgliedsstaaten. Schont jetzt gibt es Stimmen, die die Reform bis 2020 aufschieben wollen. Aber soviel Zeit haben wir nicht. Wir Grüne werden alles tun, um das gute Ergebnis im Europaparlament zu verteidigen. Die Bürgerinnen und Bürger wünschen sich in der Fischerei wie auch in der Landwirtschaft ein Umdenken. Der Rat muss sich diesen Forderungen jetzt stellen. Das brächte auch neues Ansehen für Europäische Politik.

Weitere Informationen

Rebecca Harms

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