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29.06.2010

Pleiten, Pech und Pannen: Was macht eigentlich der neue finnische Atomreaktor?

Ein Interview mit der finnischen Europaabgeordneten Satu Hassi

Finnland ist das erste europäische Land, das nach der Katastrophe in Tschernobyl 1986 den Bau eines neuen Reaktorblocks genehmigte. 2005 begann die französische Firma Areva zusammen mit Siemens im Auftrag des finnischen Energieunternehmens TVO, auf der Insel Olkiluoto an der Westküste Finnlands einen Druckwasserreaktor oder EPR (European Pressurized Water Reactor) zu bauen. Der neue Reaktor Olkiluoto 3 (OL3) ist mittlerweile zum Synonym geworden für politische Skandale, grobe Sicherheitsmängel und in die Höhe schnellende Kosten.

gruene-europa.de fragte die Europaabgeordnete Satu Hassi nach den Hintergründen. Hassi ist Koordinatorin im Umweltausschuss für die Fraktion Die Grünen/EFA im Europäischen Parlament. Bis 2002 war sie Umweltministerin in Finnland, legte jedoch ihr Amt nieder, als das finnische Parlament den Bau von Olkiluoto 3 bewilligte.



1. Teure Risiken, teure Atomkraft

gruene-europa.de: Der neue Druckwasserreaktor, der in Finnland seit 2005 gebaut wird, sollte neue Standards in Sicherheit und Wirtschaftlichkeit setzen. Hält Olkiluoto 3 diese Versprechen?

Satu Hassi: Sagen wir es so: Die Geschichte von Olkiluoto 3 ist jedenfalls kein ermutigendes Beispiel für die angebliche Renaissance der Atomkraft. Sie ist vielmehr eine Warnung. Denn vom Baustart an häuften sich die Skandale.

Die französische Firma Areva und ihr Auftraggeber, das finnische Energieunternehmen TVO, legten einen genauen Kaufvertrag mit einem fixen Zeitplan und einen Festpreis für den Reaktor fest: Die Anlage sollte im Sommer 2009 ans Netz gehen, als Kosten wurden laut Medienberichten etwa 3 Milliarden Euro vereinbart. Wird der Zeitplan also gehalten? Ja, aber nur indem er jedes Jahr um ein weiteres Jahr verlängert wird! Meine Kollegin Heidi Hautala nennt dies die "Hassi-Berechnungsregel" (lacht).

 

 

 

 


"Die Kosten haben sich mittlerweile mehr als verdoppelt"

 

 

 

Zuletzt wurde die Fertigstellung bis auf 2013 verschoben, aber viele Kommentatoren in Finnland sagen, dass das niemand garantieren kann. Alle bisher bekannt gegebenen Zeitpläne waren zu optimistisch. Wenn man die Kosten betrachtet, ergibt sich auch kein besseres Bild: Die Baukosten sind auf über 4 Milliarden Euro gestiegen. Und TVO verlangt für die Zeitverzögerung 2,4 Milliarden Euro Kompensation. Addiert man die beiden Zahlen, kommt man zu dem Ergebnis, dass sich die Kosten mittlerweile mehr als verdoppelt haben.

gruene-europa.de: Warum gibt es denn solche Zeitverzögerungen beim Bau? Und einmal abgesehen von den Schadensersatzansprüchen: Warum schnellen die Baukosten so in die Höhe?

Satu Hassi: Was anfangs als Triumph gefeiert wurde und als Start einer neuen Ära wurde ein großes ökonomisches Fiasko mit einer langen Reihe von Skandalen. Den ersten erlebten die Finnen wirklich als Schock: Der Beton des Fundaments war zu porös. Wie kann so etwas passieren? Dem ganzen Fiasko zugrunde liegt meiner Meinung nach die Tatsache, dass heutzutage alle Bauvorhaben aufgeteilt werden zwischen Hauptvertragspartnern und Sub-Unternehmen und Sub-Sub-Unternehmen und Sub-Sub-Sub-Unternehmen, die aus unterschiedlichen Ländern kommen.

Zum Beispiel übertrug Areva die Herstellung der Stahlhülle des Reaktors - eines Kernstücks einer Atomanlage - einem deutschen Unternehmen, wenn ich mich recht erinnere. Aber diese verkauften den Auftrag weiter an eine polnische Firma, die weder die nötige Expertise noch die Technologie zur Verfügung hatte. Sie brachten Erfahrungen im Schiffsbau mit, aber nicht für den Bau eines Atomkraftwerks. Oder ein anderes Beispiel: Ein bereits fertig gestellter Teil des Gebäudes musste wieder eingerissen werden, da die indische Ingenieursfirma, die mit dem Design der Konstruktion beauftragt wurde, nicht die starken Temperaturschwankungen zwischen Sommer und Winter in Finnland berücksichtigt hatte.

 

 

 

 


"Eine polnische Firma brachte Erfahrungen im Schiffsbau mit, aber nicht für den Bau eines AKW"

 

 

 

Viel schlimmer sind jedoch die groben Sicherheitsverstöße: So war das Automatisierungssystem nicht vollständig vom Notfallsystem getrennt. Jeder Fehler bei der Automatisierung hätte also die Funktionsfähigkeit des Notfallsystems beeinflussen können. Areva sah jedoch erst Handlungsbedarf, als die finnische Behörde für Strahlung und nukleare Sicherheit (STUK) zusammen mit ihren Schwesterbehörden aus Frankreich und Großbritannien den Missstand in einer öffentlichen Erklärung kritisierten.

Meinem Verständnis nach ist der Hauptgrund für die Verzögerungen jedoch, dass zum Zeitpunkt des Verkaufs noch gar nicht alle detaillierten Baupläne existierten! Nach Aussagen von TVO wurden die Pläne konstant verspätet geschickt. Nun beschuldigen sich Areva und TVO bereits seit einigen Jahren gegenseitig, wer Schuld trage an der Verzögerung. Eine internationale Schlichtungskommission befasst sich mittlerweile mit dem Fall, mit Scharen von Rechtsanwälten auf beiden Seiten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Personen an Olkiluoto bauen, die sich nicht bewusst sind, dass sie einen Atomreaktor bauen. Da gibt es auch Konstrukteure, die nicht wissen, wo sie bauen. Und Areva wusste nicht, was sie verkaufen.

 

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2. Öffentliche Meinung und politische Interessenkonflikte

3. Starke Pro-Atom-Lobby durch das Mankala-Geschäftsmodell

4. Die Rolle der Grünen in Finnland

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